04.11.2013 - Ausburger Allgemeine

Geschrieben von Stephanie Schuster am . Veröffentlicht in Presse

Ulm Als am Ende ein Großteil der Zuhörer in der fast voll besetzten Ulmer Pauluskirche in das traurige, kurdische Volkslied einstimmt oder zumindest leise mitsummt, bekommt die Szene fast etwas Unwirkliches: Da geben ein Türke und ein Kurde in einem christlichen Gotteshaus gemeinsam ein Konzert. Singen teilweise sogar auf Zazaki, eine ostanatolische Sprache, verwandt mit Kurdisch und Persisch und zudem die Muttersprache des einen, weswegen dieser Musiker sich vor über 15 Jahren entschied, in Deutschland zu bleiben: In der Türkei hätte ihm Strafverfolgung wegen „Singens in einer verbotenen Sprache“ gedroht. Doch vor dem Altar, der gekreuzigte Jesus im Hintergrund, spielt das alles keine Rolle mehr. Dann zählen nur mehr der Moment, die Musik – und das beeindruckende Spiel von Erkan Ogur und Mikaîl Aslan.

Ogur, Jahrgang 1954, stammt aus dem türkischen Kulturkreis, ist bekannt für seine Ausflüge in Weltmusik und Jazz und gilt als Erfinder der bundlosen Gitarre, die er neben seiner Saz, einer Langhalslaute, mit nach Ulm gebracht hatte. Sein kurdischer Kompagnon, Mikaîl Aslan, ebenfalls ein Meister an Gitarre und Saz, wurde 1972 in Dersim im Osten der Türkei geboren – also in einer Zeit, als es in dem Land offiziell keine Kurden geben durfte....

Zusammengefunden haben sich beide nun erstmals für das Projekt „Cesm-î Dil“ – zu Deutsch „Das Innere Auge“ – um die verbindende Kraft der Musik über weltliche und kulturelle Grenzen hinweg zu demonstrieren.

Das Publikum stimmt in die Volksweisen mit ein

Das musikalische Ergebnis sind traditionelle Lieder, abwechselnd auf Türkisch, Kurdisch oder Zazaki gesungen, aber immer mit einer Prise Melancholie und Schwermut. Da geht es um die Liebe und den Wein – ja, bei den Aleviten ist Alkohol im Gegensatz zu den Muslimen kein Tabu, und Aslan entstammt der alevitischen Kultur – aber auch um die Gräuel gegen Kurden, Zaza und andere verfolgte Volksgruppen. Auch wenn die Akustik der Pauluskirche den teils mystischen Gesang und die andächtig gezupften Akkorde nicht immer so zur Geltung brachte, wie man es sich gewünscht hätte – manchmal applaudierte das größtenteils türkisch- oder kurdischstämmige Publikum schon während der ersten Takte. Und nicht selten stimmte es mit ein – auch wenn viele die Sprache der Texte nur mehr aus eben solchen Volksweisen kennen.

Am Ende blieb – auch, oder gerade für den, in dessen Ohr die fremden Worte zur geheimnisvollen Melodie verschwammen – eine Gänsehaut. Und das schöne Gefühl, ein bewegendes Konzert miterlebt zu haben, das irgendwie einem großen Familienfest glich, bei dem vom Säugling bis zur Großmutter alle Generationen vertreten waren.

Die Rechnung vom vereinenden Element der Musik ist dabei mehr als aufgegangen.

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