12.07.2010 – Frankfurter Allgemeine Zeitung Ostanatolische Mythen

Geschrieben von Super User am . Veröffentlicht in Presse

 

Das Mikaîl Aslan Ensemble im Frankfurter „Bett“ Es ist keine neue Erkenntnis, daß Musik die Kraft hat, Grenzen zu überwinden und Kulturen zu verbinden. Im Grunde braucht es dazu nur Musiker, die über ihren angestammten Horizont hinaussehen und den Mut haben, ungewohnte Verbindungen zu entwickeln. Mikaîl Aslans Passion, in seinen Kompositionen verschiedene Stile Ost-Anatoliens und einige westliche Ideen zu verarbeiten, erinnert an seine persönliche Geschichte. Der 1972 in der alevitisch geprägten Region Dersim geborene und in der Kultur und Sprache der Zaza verwurzelte Aslan vereint in seinen Liedern bis heute charakteristische Zazaki- und kurdische Traditionen. In der Türkei wurden diese lange unterdrückt, ihre Sprachen waren verboten. So sah sich auch der politisch engagierte Troubadour Aslan Mitte der neunziger Jahre gezwungen, ins deutsche Exil zu gehen. An den Anfang ihrer Konzerte setzen Aslan und sein Ensemble eine Melodie in Dur, um europäische Hörgewohnheiten nicht sofort mit orientalischen Vierteltönen zu irritieren. Die folgende poetische Ballade, in tiefen Lagen gesungen, suggeriert im Frankfurter Club „Das Bett“ unwillkürlich einsame, rauhe Berglandschaften; ihre meditative Stimmung wird durch die nadelfeine Begleitung der Instrumente verdichtet. Unvermittelt wechselt die Atmosphäre: Aslans sonore Stimme springt eine Oktave höher und entwickelt insistierende Dringlichkeit, die Band wird präsenter, Laute oder E-Bass antworten den Gesangslinien wie Echos. Nahtlos geht das Quintett über in das nächste Stück mit einer etwas geradlinigeren und griffigeren Melodie. Der wiederkehrenden, refrainartigen Vokal-Zeile folgen ausgefeilte Phrasen der Lauten, dazwischen verstärkt die Wiederholung des Leitmotivs den zirkulierenden Charakter des Liedes. Mit lauernden Beats und repetitiven Themen entfachen manche Stücke die soghafte Energie eines Mantras, ohne dabei statisch zu wirken. Das Erreichen eines Trance-Zustands durch Musik gehört zur Mystik vieler Kulturen, so auch der Zazaki. Mikaîl Aslan sagt über sein Repertoire, dass es zu etwa sechzig Prozent auf spirituellen Liedern basiere, was die hypnotische Magie vieler Stücke erklärt. Tatsächlich gelten die Lauten Tembur und Cura, die Aslan und Cemil Qoçgiri spielen, als ursprünglich heilige Instrumente. Auch Zafer Küçük setzt neben der wunderbar weich tönenden, armenischen Duduk und der quäkenden Schalmei Zurna bisweilen die Flöte Kaval ein, die im Sufismus eine wichtige Rolle spielt. Ihr warm-flirrender Klang prägt eine besonders atmosphärische Komposition des Quintetts, in der Qoçgiri von der kleinen Laute Cura zur großen Rahmentrommel wechselt und Aslan auf der Tembur fließende Muster aus komplexen Pickings und Tappings webt. Wie entschieden die im Rhein-Main-Gebiet ansässigen Musiker auch in der westlichen Moderne zu Hause sind, zeigt sich vor allem nach der Pause. Schnellere Stücke verlocken mit zwar ungeraden, trotzdem aber auch für westliche Ohren nicht komplett verwirrenden Rhythmen unwillkürlich zum Mitwippen, die ohnehin schon große Dynamik überrascht mit noch jäheren Wechseln von Tempo oder Lautstärke. Schlagzeuger Günter Bozem und Dieter Schmalzried am bundlosen E-Bass untermauern dezent, aber effektiv den infizierenden Groove. Mitunter scheint der erdige Talking-Blues amerikanischer Prägung nicht mehr fern. Offensiv-treibende Songs verlängern die imaginäre musikalische Achse vom Wüstenrock afrikanischer Tuareg über die Rituale der Gnawa-Bruderschaften und Led Zeppelins Maghreb-Exkursionen in das rauhe Kurdistan. Filigran-kristalline Lauten klirren plötzlich metallisch-hart, können zuweilen sogar in typische Stakkato-Akkorde des Reggae verfallen. Aslans Gesang und die mythengetränkte Musik des Quintetts vermitteln Leidenschaft und Hingabe auch ohne Verständnis der Texte. Auf technische Spektakel kann die Band ebenso verzichten wie auf archaischen Purismus. Stattdessen vereint sie vielfältiges persönliches Wissen aus diversen Album- und Bühnen-Produktionen, ergänzt durch Aslans Erfahrung als Komponist von Filmmusik. Wer zwischen den Welten lebt, kann auch künstlerische Grenzen souverän hinter sich lassen; das Mikaîl Aslan Ensemble ist dafür ein hörenswertes Beispiel. Autor: NORBERT KRAMPF